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Es braucht Stolz und Identifikation

Vergangenen Freitag beendete der Schweizerische Handballverband angesichts des grassierenden Corona-Virus die Meisterschaft 2019-20 per sofort. Das NLA-Team des Vizemeisters von 2019 liegt danach auf Rang zwei, bei einem Spiel weniger zehn Punkte hinter dem vorauseilenden Titelfavoriten Kadetten Schaffhausen, knapp vor einem breiten Mittelfeld. NLA-Trainer Adi Brüngger beantwortet Fragen zum bisherigen Saisonverlauf, zu den Turbulenzen im Spätherbst und zur Zukunft des Teams.

Adi Brüngger, ein schnelles Saisonende für Alle. Was geht da im Trainer vor? Wie hat das Team reagiert?

Die Meldung kam aufgrund der Entwicklung in den vergangenen Wochen nicht überraschend. Dennoch hinterlässt sie natürlich Spuren. Wir haben uns seit Juni 2019 auf die Playoffs vorbereitet, alles getan um nun bereit zu sein. Die Gewissheit, dass man von all dieser Arbeit nun nicht profitieren kann, tut natürlich extrem weh. Dennoch wissen wir, dass keine andere Entscheidung möglich war. Uns geht es wie allen anderen Sportlern in der Schweiz auch – wir sind traurig und natürlich etwas hilflos.

Was heisst das nun für das Team? Ferien, Training oder ganz einfach Warten auf bessere Zeiten? Wie sieht das Programm der nächsten Wochen aus? Kann man da überhaupt planen? Es ist ja damit zu rechnen, dass auch ein Corona-Fall im Team auftreten könnte.

Das Planen ist zur Zeit natürlich sehr schwierig. Denn was heute noch gilt, kann morgen bereits wieder Makulatur sein. Wir halten uns an die Vorschriften des BAG und diese besagen, dass wir mindestens bis zum 19. April nicht trainieren dürfen.

Welche Eindrücke bleiben bei Dir hängen, nach dem Abbruch so kurz vor Start in die Playoffs? Fortschritte? Wo bist du nicht zufrieden?

Diese Frage kann man wohl nicht abschliessend beantworten. Die Resultate in den Playoffs entscheiden darüber, ob man das richtige getan hat oder nicht. Ich denke, dass wir, speziell was unser Angriffsspiel betrifft, beträchtliche Fortschritte erzielt haben. Es ist uns wieder gelungen, einige Spieler auf ein sehr gutes Niveau zu bringen. Spieler wie Fabrizio Pecoraro, Joël Bräm, Lukas Heer, Jannic Störchli, Adir Cohen oder Simon Schelling haben einen grossen Leistungssprung gemacht und sind zu echten Teamstützen herangewachsen. Marvin Lier ist mit dem Transfer zu Flensburg sogar der Aufstieg in die Handball-Weltelite gelungen. Alles in allem bin ich mit der Entwicklung des Teams zufrieden.

Ihr habt bis zum Herbst eine nahezu perfekte Saison hingelegt. Was geschah danach? Nach dem verlorenen Europacup-Heimspiel gegen Bjerringbro-Silkeborg?

Wir hatten uns über Wochen auf Silkeborg vorbereitet, das Heimspiel gegen diesen internationalen Topgegner war ein Saisonhighlight für uns. Unsere Leistung in diesem Spiel war über 57 Minuten absolut am Limit, wir spielten top. In den letzten drei Minuten unterliefen uns ein paar Fehler, der Gegner nutzte das eiskalt aus und der Sieg war weg. Danach fielen wir in ein kleines Loch. Zwischen den zwei Europa-Cup spielen hatten wir im Cup ¼-Finale gegen den HSC Suhr Aarau anzutreten. Nach der Enttäuschung im Europacup schafften wir es nicht, die nötige Spannung für dieses Spiel aufzubauen, wir spielten nicht gut genug und schieden aus. So mussten wir uns innert drei Tagen gleich von zwei Wettbewerben verabschieden. Das war natürlich nicht gerade förderlich für die Stimmung. Drei Tage nach dem Rückspiel in Silkeborg folgte das Meisterschaftsspiel auswärts in Aarau, welches wir mit einem Tor Unterschied verloren. Die Art und Weise, wie diese Niederlage zu Stande kam ärgerte mich sehr. Das war letztlich der Auslöser (aber nicht die Ursache), der dazu führte, dass gewisse Dinge im Team bereinigt werden mussten.

Und dann der rasche Wegzug von Quni, die spät kommunizierte Trennung von Dangers. Da war für den regelmässigen Zuschauer viel Unverständliches mit dabei. Warum musste das sein, zumal beide auf derselben Position spielten?

Quni war bereits im August in einem Probetraining in Norwegen. Er hatte bei uns wenig Spielanteile und war unzufrieden, der Spieler schätzte seine spielerische Entwicklung anders ein als der Coach. Als sich dann aufgrund von zwei Verletzungen auf der Kreisposition bei OIF Arendal die Möglichkeit für einen Wechsel bot, gab es keinen Grund für uns, dem im Wege zu stehen.

Die Kommunikation nach Aussen in der Causa Markus Dangers war rückblickend sicherlich unglücklich. Intern war bereits Ende November klar, dass sich die Wege trennen würden. Wir wollten Markus einen anständigen Abgang ermöglichen und ihm bei der Klubsuche behilflich sein. Die Meldung, dass er aus disziplinarischen Gründen nicht mehr zum Team gehört, hätte da wohl nicht geholfen. So sind wir auf den Wunsch von Markus und seinem Spielervermittler eingegangen und haben mit der Kommunikation zugewartet. Das hat in unserem Umfeld für viel Spekulation gesorgt und war falsch.

Im Rückblick und mit etwas Distanz gesehen. Hätte das anders gelöst werden können?

Nein. Ich würde rückblickend nochmals gleich entscheiden. Um mit unseren Voraussetzungen als Verein und Team erfolgreich zu sein, sind wir darauf angewiesen, dass wir die Mentalität an den Tag legen, die uns auszeichnet und die wir uns über Jahre aufgebaut haben. Dies betrifft unsere Leistungsbereitschaft, unsere Disziplin und den Respekt mit dem wir miteinander umgehen. Wenn diese Werte durch einen oder mehrere Spieler gefährdet werden, muss man handeln. Sonst gefährdet man das grosse Ganze.

Ihr habt danach den Weg wieder gefunden. Mit Pribanic integrierte sich eine andere Art Spieler am Kreis überraschend schnell ins Teamgefüge? Die Resultate wurden wieder gut genug. Die Spielweise auch?

Absolut. Ich bin überzeugt, dass wir mit Antonio im Gesamtpaket sportlich sogar stärker waren als zuvor. Antonio ist im Gegensatz zu Markus ein Spieler, der über sehr viel Erfahrung auf höchstem Niveau verfügt und weiss, wie man Titel gewinnt. Leider hatten wir nicht die Möglichkeit, dass zu beweisen.

Hinter den Kadetten sind viele Teams zusammengerückt. Ihr seid, auf Grund der Punktzahl und der Tordifferenz aktuell einigermassen klar die Nummer zwei. Hätte das auch für’s Finale reichen können?

Ja, wir waren gut aufgestellt und gut in Form. Am Ende des Tages bleibt das aber alles Spekulation.

Das Team vorne weg, Kadetten Schaffhausen, schien in dieser Saison unerreichbarer als auch schon. Kein Einbruch etwa wie in den vergangenen Jahren im Verlauf ihrer Champions-League Mission. Deine Einschätzung zur Stärke der Munotstädter?

Die Kadetten sind aufgrund ihrer finanziellen Stärke und der damit verbundenen hohen individuellen Spielerqualität im Kader seit mehr als einer Dekade der grosse Favorit in der Liga. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass sie in dieser Saison weiter von uns weg waren als zuvor. Ich denke, wir hätten, wie im Jahr zuvor, unsere Chancen bekommen.

Wie sieht unser Team nächste Saison aus. Alle Verträge sind ja noch nicht im Trockenen. Wie ist da der aktuelle Stand? Sind noch Transfers zu erwarten?

Das hängt in erster Linie davon ab, mit welchem Budget wir in die nächste Saison steigen. Es gibt sehr viele interessante Spieler auf dem Markt, die gerne bei uns spielen möchten. Aufgrund der aktuellen Lage ist noch kaum abzusehen, wie sich unsere Sponsoringeinnahmen entwickeln werden. Einfacher wird es sicher nicht, wir bleiben momentan zurückhaltend mit zusätzlichen Transfers.

Andere Mannschaften haben teilweise zügig aufgerüstet. Der HSC Suhr Aarau beispielsweise, aber auch der HC Kriens Luzern. Wie schätzt du diese Veränderungen ein, werden wir in Zukunft viel mehr spannende Fights erleben? Ist unsere langjährige Nummer zwei gefährdet?

Ja, die Liga ist in diesem Jahr breiter geworden, Teams wir Suhr Aarau, oder Kriens haben deutlich an Qualität gewonnen. Selbst der RTV Basel hat sich während der Saison mit drei Spielern aus Top-Ligen verstärkt. Kriens schätze ich aufgrund der getätigten Transfers im nächsten Jahr nochmals stärker ein. Auch St. Otmar verfügt über eine sehr schlagkräftige Truppe, mit Thun ist wie immer zu rechnen. Die Finals zu erreichen wird in Zukunft für uns eine noch grössere Herausforderung werden.

Trotz starken Verbesserungen bleibt die finanzielle Situation nach dem frühen Saisonende erst recht angespannt. Es klafft nun aus den fehlenden Restspielen ein Loch von Netto CHF 120‘000. Das gesamte Sparpotential ausschöpfen ist das Eine, was kann sonst noch helfen, das Loch zu stopfen?

Wenn wir unseren Anspruch auf eine Spitzenposition im Schweizer Handball aufrechterhalten wollen, dann müssen wir definitiv mehr Einnahmen generieren. Es muss unser oberstes Ziel sein, noch mehr Leute für Pfadi und den Handball zu begeistern.

Bezüglich Spielerentschädigungen ist das Sparpotential vermutlich erschöpft. Wo steht Pfadi mit seiner ersten Mannschaft im Ligavergleich diesbezüglich?

Da befinden wir uns nur noch im Mittelfeld. Wir mussten unser Budget für den Spielerkader für die Saison 20/21 erneut reduzieren. Die Situation mit neun auslaufenden Verträgen in diesem Jahr war unter diesen Voraussetzungen natürlich eine grosse Herausforderung und ich bin sehr glücklich, dass wir dennoch das Gros des Teams halten konnten.

Man will auch in Zukunft um Titel mitspielen. Was muss geschehen, um die Spielstärke und einen Rang möglichst weit vorne in der Tabelle zu halten? Wo gibt’s noch Potential beim Bestehenden, was kommt beispielsweise aus der sehr guten Nachwuchsabteilung nach?

Es gibt in der Nachwuchsabteilung einige Spieler, die in Zukunft interessant für uns sind. Spieler auf gehobenes Niveau zu entwickeln gehört zu unseren grössten Stärken. Aus dem bestehenden NLA-Kader kam nur gerade Mati Schulz als „fertiger“ Spieler zu uns. Alle anderen haben ihre Entwicklung bei uns gemacht. Dieses System hat aber seine Grenzen. Nur damit können wir nicht nachhaltig an der Spitze bleiben. Wir müssen den Trend der sinkenden finanziellen Mittel drehen, sonst wird es zunehmend schwieriger.

Anspruch und Wirklichkeit. Hand auf’s Herz. Ist das in naher Zukunft irgendwie zu schaffen? Was muss dafür getan werden? Wo sind die nächsten Hotspots aus Sicht des Trainers?

Meine Aufgabe ist es, möglichst viel des vorhandenen Spielerpotentials auszuschöpfen, jeden einzelnen und das Team so weit zu bringen wie möglich. Dafür stehe ich zusammen mit Goran jeden Tag in der Halle oder im Gym.

Pfadi finanziell und nachhaltig auf eine Basis zu stellen, wo man realistischer Weise von Titeln sprechen kann, ist eine Aufgabe, die Winterthur nur gemeinsam lösen kann. Dafür braucht es Stolz und Identifikation von ganz Vielen.

Adi Brüngger, danke für dieses Interview. Wir wünschen einen schönen Sommer. Und dem ganzen Team, bleibt gesund!